AWO Kreisverband Frankfurt am Main e.V.

Ehrenamt Sozialpolitik

Drei Stationen, viele Einblicke: Unterwegs durch die soziale Landschaft Frankfurts

16. September 2026

Lesedauer: 7 min

Wie gestaltet sich soziale Arbeit Tag für Tag? Wer sind die Menschen dahinter und vor welchen Herausforderungen stehen sie? Antworten darauf gab es beim ersten von zwei Sozialen Stadtspaziergängen der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Frankfurt am Main (LIGA Frankfurt) in diesem Jahr. Elf Vertreter:innen des Frankfurter Römer machten sich am 10. September auf den Weg zu drei Stationen: dem Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde, dem Team Aktiv der AWO Frankfurt und FATRA e.V. aus dem Paritätischen Wohlfahrtsverband.

Drei Einrichtungen, drei Arbeitsfelder – und immer wieder die Gelegenheit, hinter Türen zu schauen, die im politischen Alltag meist nur über Berichte, Zahlen und Förderprogramme sichtbar werden. Vor Ort ging es um die Menschen, die soziale Angebote nutzen, um diejenigen, die diese Arbeit leisten und um die Frage, welche Rahmenbedingungen es dafür braucht.

„Sozialer Zusammenhalt macht sich nicht von allein. Es braucht engagierte Menschen, verlässliche Angebote und politischen Willen. Die Sozialen Stadtspaziergänge zeigen, was in unserer Stadt möglich ist – aber auch, was auf dem Spiel steht, wenn Förderungen wegbrechen“, unterstreicht Franziska Zühlsdorff, Regionalgeschäftsführerin des Paritätischen in Frankfurt und Vorsitzende der LIGA Frankfurt.

Wo Pflege auch Zuhause und Gemeinschaft bedeutet

Der Nachmittag startet im Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde. Rosch ha-Schana, das jüdische Neujahrsfest, steht kurz bevor – im Haus ist bereits alles für die Feierlichkeiten vorbereitet. Zur Einstimmung gibt Baruch Chauskin ein Konzert; aus dem voll besetzten Aufenthaltsraum dringen schon die ersten Klänge. Schnell wird klar: Das Altenzentrum ist nicht nur Pflegeeinrichtung, sondern vor allem Lebensort. Neben der Synagoge – der Seele des Hauses – gibt es einen Garten, eine Cafeteria und einen Kiosk. Auch Friseur und Fußpflege sowie eine Praxis für Physio- und Ergotherapie haben hier ihren Platz.

Einrichtungsleiter Sandro Huberman begrüßt die Gäste und gibt einen Einblick in die Geschichte des Hauses und seine heutige Situation: Rund 150 ältere Menschen leben in kleinen Wohngruppen im Pflegeheim; hinzu kommen rund 20 jüngere pflegebedürftige Menschen mit geistiger Behinderung oder psychischer Erkrankung. Auch Betreutes Wohnen und Tagespflege gehören zum Angebot. Die Arbeit orientiert sich an den Grundsätzen jüdischer Sozialarbeit – ganz im Sinne des 2019 verstorbenen, langjährigen Direktors der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), Beni Bloch und seines Mottos: „Sei a Mensch“.

Das Haus ist jüdisch geprägt, steht aber Menschen unterschiedlicher Religions- und Glaubensrichtungen offen. Etwa 70 Prozent der Bewohner:innen sind jüdisch; einige von ihnen haben die Shoah erlebt, andere sind vor dem Krieg in der Ukraine geflohen. Entsprechend betont Sandro Huberman die Bedeutung kultursensibler Pflege: „Das Altenzentrum und das Wohnhaus Tiberias stehen exemplarisch für die Verbindung von religiöser, kultureller und traumabezogener Arbeit in der stationären Pflege.“

Gleichzeitig gilt es, das Zusammenleben der kulturell vielfältigen Bewohner:innenschaft zu gestalten. „Respekt ist hier das Stichwort“, sagt Sandro Huberman. Die Leiterin des Sozialen Dienstes, Mehrnaz Asgarian, ergänzt: „Dieses Haus ist im Laufe der Zeit ein emotionaler Zufluchtsort für Bewohner:innen und Mitarbeiter:innen geworden.“

Ehrenamt braucht mehr als guten Willen

Nächster Ort, nächstes Arbeitsfeld: In der Geschäftsstelle der AWO Frankfurt stellt das Team Aktiv seine Arbeit vor. Es unterstützt Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren möchten, qualifiziert sie für ihre Aufgaben und vermittelt sie in soziale Einrichtungen und Projekte. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Bildungs- und Lernpatenschaften, die wesentlich über das Bundesprogramm „Menschen stärken Menschen“ mitfinanziert werden. Rund 700 sogenannte Patenschaften begleitet das Team Aktiv jährlich.

Wie eine solche Patenschaft ganz konkret aussehen kann, erzählen Helena Heinz und Sedef Ertekin, die 2021 als Tandem zusammengefunden haben. In ihrer Heimat, der Türkei, hatte die dreifache Mutter Sedef Ertekin nur zwei Jahre lang die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Der Weg zu ihrem Traum, Erzieherin zu werden, war entsprechend lang. Dabei traf sie auf die österreichischstämmige Helena Heinz, die sich seit Beginn ihres Ruhestands vielfältig ehrenamtlich engagiert und bereits mehrere Menschen beim Einstieg ins Berufsleben unterstützt hat. Mit Unterstützung des Teams Aktiv vertiefte sie ihr Wissen über Alphabetisierung und Grundbildung und nahm an entsprechenden Schulungen teil. Das Team Aktiv brachte die beiden vor fünf Jahren zusammen – mitten in der Corona-Pandemie zunächst über Videotelefonie, später dann persönlich. Seitdem hat Sedef Ertekin nicht nur Deutsch, sondern auch Englisch gelernt, ihren Realschulabschluss nachgeholt und die Kinderpflegeausbildung absolviert. Aktuell befindet sie sich im Anerkennungsjahr ihrer Ausbildung zur Erzieherin. Ohne Helena Heinz wäre das nicht möglich gewesen, betont sie: „Aus der Lernpatenschaft ist Familie geworden.“ Mittlerweile profitieren auch andere Frauen aus ihrem Bekanntenkreis von den Angeboten des Teams Aktiv.

Das Gespräch macht deutlich: Ehrenamt braucht Hauptamt. Netzwerkarbeit, Koordination, Begleitung und Qualifizierung sind notwendig, damit aus der Bereitschaft, sich einzubringen, ein dauerhaft tragfähiges Engagement werden kann. Doch das Programm steht auf der Kippe: Im Entwurf für den Bundeshaushalt 2027 sind für „Menschen stärken Menschen“ nur noch rund 700.000 Euro vorgesehen – nach rund 18 Millionen Euro im Jahr 2026. Das käme einem faktischen Aus des Programms gleich. AWO-Vorstand Tobias Lauer erklärt: „Es geht nicht nur um Geld, es geht um eine soziale Infrastruktur – eine Infrastruktur, die nicht aus Steinen, sondern aus Menschen besteht. Mit dem Geld würde auch sie wegfallen und damit ein Stück gelebter Solidarität.“

Unterstützung nach Flucht, Folter und Gewalt

Die letzte Station des Nachmittags führt zu FATRA e.V., dem Frankfurter Arbeitskreis Trauma und Exil. Die Beratungsstelle wurde 1994 im Kontext der Jugoslawienkriege gegründet, um Kriegsgeflüchtete kostenlos sozialpsychiatrisch zu beraten. Mittlerweile hat sich die Zielgruppe verändert: Angesichts der mannigfachen Konfliktherde weltweit kommen die Ratsuchenden von überall her. Viele von ihnen bringen traumatische Erfahrungen vor der Flucht und zusätzliche Belastungen nach ihrer Ankunft mit – sog. Prämigrationstraumata und Postmigrationsstressoren. Die Folgen können vielfältig sein: Konzentrations- und Beziehungsstörungen, soziale Ängste, selbstverletzendes Verhalten oder suizidale Gedanken und Handlungen. FATRA e.V. bietet den Hilfesuchenden einen sicheren und geschützten Raum. Beraten wird sowohl im medico-Haus im Ostend als auch aufsuchend; bei Bedarf unterstützen Laien-Dolmetscher:innen die Gespräche.

Ein existentiell wichtiges Angebot für die Hilfesuchenden – haben Asylsuchende doch nur einen eingeschränkten Zugang zu unserem Gesundheitssystem. Eine angemessene psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung ist kaum zugänglich; auch die notwendige Sprachmittlung durch Übersetzer:innen wird von den Krankenkassen nicht regulär finanziert.

Dr. med. Gisela Volck, Beisitzerin im Vorstand von FATRA e.V., schildert, wie belastend es für die Mitarbeitenden ist, immer wieder mit Berichten über Folter, Gewalt und Verfolgung konfrontiert zu sein. Fortbildungen, Supervision und Einzelfallberatung sind deshalb unverzichtbar. Gleichzeitig erleben die Mitarbeitenden, wie sich die Situation der Betroffenen durch Gesehenwerden, Gespräche und Beratung verbessern kann. Auch der gegenwärtige gesellschaftliche Diskurs beeinflusst die Arbeit. „Narrative, die aus Menschen, die aus einem Leben in Gefahr kommen, eine Gefahr machen, erschweren Geflüchteten ihr Ankommen, rufen neue Ängste hervor und zerstören Vertrauen. In dem Maß, in dem äußere Mauern wachsen und menschenrechtswidriges Handeln zur Normalität wird, wird unsere Gesellschaft verkümmern“, erklärt sie.

Ermöglicht wird die Arbeit des Vereins u. a. durch Mittel der UNO-Flüchtlingshilfe, der EU, des Bundes, des Landes Hessen sowie durch Stiftungen und Spenden. In geringerem Umfang beteiligt sich auch die Stadt Frankfurt. Da es sich überwiegend um kurzfristige Projektförderungen handelt, bleibt die Finanzierung unsicher. Gleichzeitig verursachen die unterschiedlichen Antrags- und Berichtsverfahren einen hohen bürokratischen Aufwand. Die begrenzten Ressourcen haben ganz konkrete Folgen: Im Jahr 2025 konnten 397 Menschen unterstützt werden; 137 weitere mussten aus Kapazitätsgründen abgewiesen werden – ein kaum aufzulösendes Dilemma für das kleine Team. Sein Wunsch ist deshalb eine Basisfinanzierung, die das Angebot zumindest stabilisiert – ähnlich wie sie das Beratungs- und Behandlungszentrum für Menschen mit Fluchterfahrungen Refugio in München erhält.

Gegen 18:30 Uhr endet der Soziale Stadtspaziergang. Zurück bleiben vielfältige Eindrücke und Fragen, die weit über diesen Nachmittag hinausreichen: Was braucht gute soziale Arbeit in einer Global City wie Frankfurt? Wie können Hilfen auch künftig bedarfsgerecht aufrechterhalten werden? Und was brauchen diejenigen, die sich Tag für Tag für ihre Mitmenschen einsetzen?

Am 19. November setzt die LIGA Frankfurt ihre Sozialen Stadtspaziergänge fort. Dann stehen das Kinder- und Jugendzentrum DeR Klub Seckbach des DRK Frankfurt, Angebote der Caritas in Höchst sowie das Evangelische Zentrum für Beratung in Höchst auf dem Programm.

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